Kunst findet in der Welt der Unternehmen durchaus statt. Aber in den meisten Fällen nur in der Form von «Kunst am Bau» oder dekorativen Gemälden und Skulpturen im Empfangsbereich. - mbMC
Frank und Patrik Riklin
«Die beste Kunst ist diejenige, die man gar nicht als Kunst wahrnimmt.»
Wo liegt die echte Schnittstelle zwischen Kunst und Wirtschaft, wie können sie sich gegenseitig befruchten, und wann wird aus einem künstlerischen Projekt ein Business? Ein Besuch bei Frank und Patrik Riklin in ihrem «Atelier für Sonderaufgaben», den Schöpfern des «Null Stern Hotels» – einem Projekt, das diese Schnittstelle für die Zukunft definieren könnte.
Ästhetisch? Dekorativ? Unterhaltsam? Das alles kann Kunst sein. Nur ist es dann im Grunde keine Kunst. Jedenfalls nicht, wenn man Frank und Patrik Riklin nach ihrer Definition des Begriffs fragt. «Die beste Kunst ist diejenige, die man gar nicht als Kunst wahrnimmt», sagt Frank, und Patrik stimmt zu. Der Satz geht beiden leicht über die Lippen. Er ist eine Art Glaubensbekenntnis der Zwillinge. «Kunst muss eine Funktion haben» oder «Kunst ist, wenn man im Alltag unverhofft über sie stolpert» sind weitere. Die Begriffsdebatte, in der diese Sätze fallen, ist entstanden, obschon der Journalist genau diese Frage verhindern wollte und sie deshalb gar nicht erst gestellt hat, diese gefährliche Frage, dieses Monstrum von einer Frage, die da lautet: Was ist Kunst? Nein, er hat sie nicht gestellt. Aber sie steht ohnehin im Raum und wird beantwortet.
Kunst ausserhalb der Wahrnehmung
Atelier für Sonderaufgaben im «Lagerhaus» in St.Gallen im ersten Quartal 2010. Ein verrücktes 2009 liegt hinter den beiden Konzeptkünstlern, und es sieht ganz danach aus, als hätte Silvester dem keinen Abbruch getan. Klingelt das Telefon, so ist das Spektrum der Möglichkeiten denkbar breit. Wer ist auf der anderen Seite der Linie: ein CNN-Reporter, eine luxemburgische Radiostation, eine internationale Hotelkette? 37 Jahre alt sind sie, die St.Galler Zwillinge, haben ein Kunststudium absolviert, die traditionelle Schiene ausprobiert, Ausstellungen gemacht, sich mit der Künstlerszene vernetzt, diese dann immer mehr infrage gestellt, sich soweit als möglich dem ordentlichen Betrieb entzogen, um eben diese Zufallskunst zu zelebrieren, die keiner als Kunst wahrnehmen soll und die gerade deshalb wahre Kunst ist. Und jetzt, nach den Massstäben der betriebswirtschaftlich geordneten Welt, haben sie wohl den Durchbruch geschafft. Weltweit wurde über das sogenannte «Null Stern Hotel» berichtet, das Konzept eines Hotelleriebetriebs in einem ehemaligen Zivilschutzbunker im ausserrhodischen Teufen ist international in aller Munde.
Und nun? – Nun sind sie zu Gralshütern mutiert, die Riklins, zu Wachhunden, denn wer Erfolg hat, ist begehrt, und wer begehrt ist, weckt Begehrlichkeiten. Mehrere Stunden habe man zum Beispiel mit einer Delegation aus Russland verhandelt, erinnert sich Frank Riklin, mit Leuten in Anzug und Krawatte, die hinter der Zahl Null, hinter der Verweigerung der normierten Etikettierung, ein Geschäftsmodell witterten. Und da sassen die beiden St.Galler und erklärten ihren Verhandlungspartnern, dass das «Null Stern Hotel» in erster Linie ein künstlerisches Konzept sei und jede noch so fantastische Summe sie nicht dazu verleiten könne, aus diesem ein banales Business zu machen, das der Idee zuwiderlaufe. Mit hochrotem Kopf sei einer der Russen im Raum herumgestapft, erinnern sich die Gebrüder. Sie erzählen es heiter, obschon sie am bewussten Tag vermutlich eine Summe in den Wind geschlagen haben, wie sie sonst für einen Lottosechser winkt.
«Der Marke Zeit geben»
Dabei pflegen Frank und Patrik Riklin keineswegs die reine Kapitalismuskritik, die sich in Künstlerkreisen so gut machen würde. Geld verdienen sei nichts Schlechtes, sagen sie unisono. «Der Kunstbetrieb ist ein Markt wie jeder andere», stellt Patrik Riklin fest. «Die Verbindung zwischen Kunst und Geschäftswelt wurde bislang noch viel zu wenig ausgeschöpft», sekundiert Frank Riklin. Doch bevor aus der Null-Stern-Idee ein Geschäft werden soll, muss sie künstlerisch zu Ende gedacht werden. «An dem Punkt sind wir noch nicht angelangt», sagt Patrik Riklin, «wir haben erst die Samen gestreut, die Marke muss zunächst eine Biografie bekommen, wir müssen ihr eine Geschichte geben, sie muss wachsen.» Und die Schöpfer mit ihr. Das Medieninteresse am «Null Stern Hotel» sei wie ein Tsunami gewesen, jeder Journalist hätte gerne schon die nächsten drei oder vier Schritte der Künstlerzwillinge in Erfahrung gebracht – und diese kannten selbst oftmals noch nicht einmal den nächsten.
Das Interesse am Konzept ist ungebrochen, die Hektik des ersten Ansturms aber etwas gemildert. Das sei gut so, sagt Frank Riklin. «Wir nützen diese Zeit, um Klarheit darüber zu bekommen, welches Potenzial in dieser Marke liegt.» Das braucht Zeit; Zeit, die man hat, weil die bewusste Marke schon früh rechtlich geschützt wurde. Das war ein finanzieller Kraftakt für die Konzeptkünstler. Aber er dürfte sich lohnen. Denn was aus Sicht der Erfinder eine Kunstinstallation ist, greift wie nebenbei tief ins System der Hotellerie ein – dem ältesten Gewerbe der Welt.
Frank Riklin schildert das System, wie es bislang war: «Möglichst viele Sterne, möglichst viel Luxus – diese Entwicklung führt irgendwann ins Absurde. Was ist ein heutiges Fünf-Sterne-Hotel wert, wenn die Klassifizierung eines Tages bis zu zehn Sternen reicht?» Während sich die besten Häuser der Welt einen verzweifelten, einen aufreibenden Kampf um die Sterne liefern, immer volle Kraft voraus, trat das Atelier für Sonderaufgaben vom tiefen Osten der Schweiz aus den lustvollen Weg nach hinten an. Kein einziger Stern, damit keine Teilnahme am System – und deshalb auch null Auflagen, die es zu beachten gilt. Die Null also gleichbedeutend mit der absoluten Freiheit in der Umsetzung. Das Ergebnis: Kaum eines der Häuser, die im obersten Luxussegment kämpfen, hat in den vergangenen Monaten eine so wuchtige mediale Aufmerksamkeit erhalten wie das «Null Stern Hotel» in Teufen, Appenzell Ausserrhoden.
Analog statt digital
Im Grunde, sagen die Riklin-Zwillinge, seien sie an diese Aufgabe herangegangen wie an jede andere: Es gehe darum, Entwicklungen zu beobachten, Trends zu studieren – und danach nicht etwa auf diese aufzuspringen, sondern tiefer zu bohren, härter nachzufragen. Ein Beispiel? Frank Riklin: «Wir sehen gleichzeitig mit dem Eroberungsfeldzug der modernen Technologie eine wachsende Sehnsucht nach alten Werten; je mehr digitale Geräte den Markt überschwemmen, desto mehr schlägt das Herz für das Analoge.» Analog? Passend dazu die Analogie: Das «Null Stern Hotel» funktioniert identisch. Der ungebremste Drang nach schierer Grösse, nach purem Luxus, nach Sternen ohne Ende ruft das Gegendenken auf den Plan. Nicht auf Luxus verzichten ist die Devise, sondern eine neue Art von Luxus erfahren. «The only star is you» lautet der Slogan zum «Null Stern Hotel», und jeder Werber müsste vor Neid erblassen. Denn ist es nicht im Grunde offensichtlich, dass derjenige, der sich offensiv dem ausufernden Wettbewerb entzieht und seine selbst definierten Werte kurzerhand zum neuen Massstab erklärt, die volle Aufmerksamkeit erhält von den Medien, die immer nach «dem anderen» lechzen?
Querdenker von ausserhalb
Neidisch sind vermutlich nicht nur die Werber, sondern auch die Hotellerie, die zusehen muss, wie die St.Galler Brüder für den «Worldwide Hospitality Award» nominiert wurden, notabene nicht etwa ein Künstlerpreis, sondern eine Auszeichnung für innovative Ideen in Hotellerie und Gastronomie. Dass die Idee zum sternenlosen Hotel nicht aus der Branche selbst gekommen ist, scheint den Riklins nur selbstverständlich: Fachleute seien viel zu sehr im angestammten System verwurzelt, um zu einem so radikalen Schritt bereit zu sein. Die Zahl Null ist in einem System, das nach möglichst hohen Werten strebt, ein absolutes Unding; nur ein Querdenker von ausserhalb könne auf die Idee kommen, die Null gewissermassen zu zelebrieren.
Dazu kommt: «Die Hospitality ist eine extrem monopolisierte Industrie», sagt Patrik Riklin. «Viele Hoteliers leiden darunter, sie sind fremdbestimmt, sie müssen viel Geld dafür zahlen, dass sie an die Reservierungssysteme angeschlossen werden.» Für die Betriebe ist das eine Art Eintrittsgebühr, es ist die Voraussetzung, um überhaupt an der internationalen Völkerwanderung, auch als Tourismus bezeichnet, teilhaben zu können. Die Erfinder des «Null Stern Hotels» tragen das System hingegen nicht mit, was Konsequenzen hat: «Die Industrie kann uns nicht kaufen, weil wir als Hotel mit null Sternen völlig frei sind.»
Kunst als Teil der Gesellschaft
Für eine Zusammenarbeit sind die Künstler allerdings durchaus offen. Seit einiger Zeit haben sie Daniel Charbonnier und Samira Singhvi an ihrer Seite, Gründer von Minds in Motion SA, einer internationalen Beratungs- und Dienstleistungsfirma für Hotellerie und Tourismus, die gleichzeitig akzeptieren, dass die Schöpfer des Null-Stern-Universums die Eröffnung eines völlig neuen Marktes zunächst gar nicht beabsichtigt hatten, sondern lediglich «die Null künstlerisch besetzen» wollten. Die Null sei ein spannender Raum, so Frank Riklin, doch man solle sie nicht im Museum oder in Form eines Bildes, einer Fotografie oder einer blossen Behauptung darstellen. Stattdessen wurde die Null in Form einer Übernachtungsmöglichkeit im Appenzellerland Wirklichkeit – und nun beobachten die Riklin-Zwillinge gebannt, wie die Gesellschaft damit umgeht. «Wenn ein Werk über längere Zeit diskutiert werden kann, wenn es immer weiter geht und nicht einfach nach einem Knalleffekt zu Ende ist, dann wird es für uns interessant», so Frank Riklin. Der typische Konsument verstehe Kultur oft als vorübergehenden Akt der Unterhaltung, schiebt Patrik Riklin nach, beispielsweise in Form eines Konzert- oder Theaterabends. «Für uns hingegen muss Kunst den Zustand erreichen, in dem sie zu einem Teil der Gesellschaft wird.»
Diesen Schritt der Kunst aus dem wohlbehüteten Heim irgendwelcher Kuratoren beobachten inzwischen auch Auftraggeber aus Wirtschaft und Politik mit Interesse. Diese buchen das Atelier für Sonderaufgaben in steigender Zahl und lassen sich beraten. Mit welchem Ziel? «Eine Sonderaufgabe ist etwas sehr Individuelles», erklärt Patrik Riklin, «jeder hat eine andere zu lösen.» Kommt nun ein Unternehmer oder Politiker an einen Punkt, an dem er nicht mehr weiter weiss, könne ihm die Kunst einen anderen Blickwinkel anbieten, eine Lösung aufzeigen, die zuvor unentdeckt blieb – weil in diese Richtung gar nicht erst gesucht worden war. Der Hofnarr am Königshof hatte wohl eine ähnliche Rolle.
Bestes Standortmarketing
Und mit der «Kunst als Waffe» könne man zudem anderen Leuten den Weg ebnen, ihnen ein Stück Freiheit schenken. Als die Riklin-Zwillinge beispielsweise mit einer künstlerischen Aktion in Schaffhausen ein mittleres Verkehrschaos auslösten, erhielten sie spontan Beistand vom Stadtpräsidenten persönlich, der die Aktion quasi in Echtzeit bewilligte. Die Munotstadt schaffte es in die Schlagzeilen – auf unkonventionelle Weise, die wohl nie auf offiziellem Weg beschlossen worden wäre. Frank Riklin: «Als Künstler können wir gewisse Freiheiten ausleben und wie in diesem Fall der Politik eine Bühne bieten für das, was sie von sich aus nicht wagen könnte.» Das Beispiel von Teufen, das im Zuge der «Null Stern Hotel»-Berichterstattung weltweite Präsenz erhält, belegt eindrücklich, welchen Effekt das haben kann. Konventionelle Standortwerbung dieser Dimension hätte ein Vermögen gekostet – und kaum ein vergleichbares Resultat ergeben. Für gute Werbung müsse man entweder viel Geld oder viel Fantasie haben, sind die Riklin-Brüder überzeugt – und sie selber hätten nur zweiteres. «Wir müssen durch Ideen auf uns aufmerksam machen, genau wie jedes andere Unternehmen.»
Das Ende des Gesprächs bildet, ironischerweise, ein Abstecher in die digitale Welt. Das «Null Stern Hotel» in 60 Sekunden: Im Web ist der entsprechende Trailer frei verfügbar. Professionell umgesetzt, mit einem Off-Sprecher, der jedem Hollywood-Blockbuster gut anstünde. Gut vorstellbar, dass sich so mancher Betreiber eines Luxushotels die Haare rauft ob der Unverfrorenheit, in der hier kurzerhand sein gesamtes Wertesystem auf den Kopf gestellt wird. Aber muss damit nicht letztlich jeder rechnen, der Werte schafft und sie zur Norm erhebt?
Zum Unternehmen
Das klein-künstlerische Unternehmen «Atelier für Sonderaufgaben» wurde 1999 von den Zwillingen Frank und Patrik Riklin gegründet mit dem Ziel, «unabhängige und kompromisslose Kunst» zu produzieren und Sonderaufgaben wahrzunehmen, «für die sich niemand so richtig zuständig fühlt.» Die Gebrüder Riklin absolvierten beide eine Lehre als Hochbauzeichner und studierten danach an verschiedenen Instituten Kunst. Mit der Schaffung der Marke «Null Stern Hotel» erreichten sie im vergangenen Jahr internationale Bekanntheit als Konzeptkünstler. Weitere Informationen im Internet unter www.sonderaufgaben.ch sowie www.null-stern-hotel.ch.
Das Ende – und ein Neuanfang
Die Geschichte rund um das Null Stern Hotel nahm Anfang Juni eine unerwartete Wende. Am Abend des 2. Juni kursierte plötzlich die Meldung, wonach das Null Stern Hotel in Teufen den Betrieb schliesst. Und das, nachdem die Idee gerade begonnen hatte, die Tourismusindustrie erfolgreich zu unterwandern. Zwei Tage später dann die Präzisierung durch Frank und Patrik Riklin: Aus dem Standort Teufen wird ein Museum rund um das Null Stern Hotel; übernachtet wird hier ab sofort nicht mehr, aber die Geschichte rund um das künstlerische Konzept wird nun Interessierten direkt am historischen Geburtsort Ort in Form einer wachsenden Ausstellung erzählt. Das Null Stern Hotel wiederum wird laut den Gebrüdern Riklin in einer Grossstadt wieder eröffnet – wo und wann, das bleibt derzeit noch geheim. Damit sind sich die Riklin-Zwillinge einmal mehr selbst treu geblieben. Mit dem überraschenden Schritt wird der künstlerische Prozess in Teufen für die Nachwelt gewissermassen konserviert, während der kommerzielle Prozess erst richtig beginnt: In den kommenden Monaten soll das innovative Hotelkonzept expandieren, ohne dass die Grundidee einer künstlerischen Auseinandersetzung beschädigt wird.
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