«Heute haben wir eine Abgasanlage und nebenbei den Motor»
Gerade leicht hat es die Nutzfahrzeugbranche nicht. Klagelieder bekommt man von Bruno Jäger aber nicht zu hören. Im Gegenteil: Der CEO der LARAG AG zeigt sich trotz schwankender Märkte zuversichtlich, weiss, wo das grösste Potenzial in seinem Unternehmen liegt, und bringt das Ganze auf eine einfache und einleuchtende Formel. - mbMC
Bruno Jäger, CEO der LARAG AG: «Viel weiter kann das nicht mehr gehen»
Bruno Jäger ist ein «Nutzfahrzeugprofi», wie er im Buche steht. Sobald Motoren oder Lastwagen in der Nähe sind, blüht er auf. Dann ist der CEO in seinem Element, schwärmt von neuen Fahrzeugen, den immer vielseitiger werdenden technischen Möglichkeiten und neu erschlossenen Segmenten seiner Firma. Eine Firma, deren Erfolgsgeschichte 1950 begann. Zum Kerngeschäft gehörten Reparaturen und Revisionen von Lastwagen aller Art. Daher auch der Name LARAG (Lastwagen Reparatur AG). Doch das Angebot ist längst um ein Vielfaches breiter geworden: Dem Reparaturbetrieb wurden diverse Spezialabteilungen rund um das Nutzfahrzeug und den Dieselmotor angegliedert: Spezialisten kümmern sich um An- und Aufbauten, im hauseigenen Ausbildungszentrum werden zehn verschiedene Berufslehren angeboten, und die Bereiche Unfallinstandstellung, Konstruktionen sowie Karosserie mit Spenglerei und Malerei sind längst zu wesentlichen Stützen geworden. Man muss nicht sämtliche Segmente aufzählen, welche das Unternehmen mit Hauptsitz in Wil und sechs weiteren Standorten in der Ost- und Westschweiz anbietet. Der Leitsatz «more than trucks» bringt es auf den Punkt: Der Betrieb ist Ansprechpartner in allen Bereichen rund um das Nutzfahrzeug.
Längerfristige Auswirkungen
Ein Gebiet, das von der Wirtschaftskrise genau wie die Automobilbranche kräftig durchgerüttelt wurde. «Im europäischen Markt reden wir beim Fahrzeugverkauf von Rückgängen von 40 Prozent und mehr», bringt Bruno Jäger die Dimensionen auf den Punkt. Und auch die Schweiz habe sich diesem Einbruch nicht entziehen können. «2009 kamen wir mit unserem Unternehmen noch relativ glimpflich davon. Wir profitierten von den Aufträgen aus dem Vorjahr», so der Geschäftsführer weiter. Im laufenden Jahr werde man aber gerade beim Verkauf zu beissen haben. Zugute kommt dem Betrieb die breite Abstützung. «Unser Full-Service aus einer Hand ist unser Vorteil. Hiermit sind auch mit unseren Standorten sehr gut abgedeckt und können einen gewissen Ausgleich schaffen.» Viele potenzielle Kunden sind derzeit noch zurückhaltend mit Investitionen. Das führt bei der LARAG im Überlandbereich zu Einbrüchen zwischen zehn und 20 Prozent. Positiv zu verbuchen ist hingegen die Werkstattauslastung. Die Vermutung, dass ein derzeit höheres Mass an Reparaturen die zurückgegangenen Verkäufe auffangen kann, erweist sich aber als falsch. Bruno Jäger: «Was wir heute nicht verkaufen, haben wir in einigen Jahren auch nicht in der Werkstatt. Das Problem ist folglich längerfristig.»
Volkswirtschaftlicher Blödsinn
Auch der fortlaufenden Abklassierung der Euronormen kann Jäger nichts Gutes mehr abgewinnen. Der Zenit sei erreicht. «Wir sind absolut der Meinung, dass die bestmögliche Technik zum Einsatz kommen sollte. Wenn im Sinne von ökologischen und ökonomischen Transportlösungen weitere Fortschritte möglich sind, sollen diese auch getätigt werden», umschreibt Jäger den Grundsatz der LARAG, die schon sehr früh Modifizierungen an Fahrzeugen gemacht hat, die in eben diese Richtung zielten. Er sieht das Problem an einer anderen Stelle: im unternehmerischen Bereich. Werde der Investitionszyklus mit der LSVA-Abklassierung dermassen hochgeschraubt, dass die Transportfirmen nicht mehr mithalten können, schade das längerfristig der ganzen Branche. «Derzeit beträgt die Investitionssicherheit nach Einführung einer neuen Euro-Norm sieben Jahre – dies allerdings auch nur nach einem intensiven Kampf gegen die staatliche Abzockerei. Der Lebenszyklus eines Lastwagens in der Schweiz ist aber massiv höher.» Dementsprechend entstehe ein Ungleichgewicht.
Bruno Jäger geht aber davon aus, dass mit der neuesten Entwicklung der Euro-6-Norm das Thema für längere Zeit vom Tisch sei. Denn: Weitere massgebliche technische Entwicklungen seien nicht mehr in kurzer Zeit zu erwarten. Nur um die Relationen nochmals in Erinnerung zu rufen: Gegenüber einem Euro-1-Fahrzeug von 1993 wird ein Euro 6-Fahrzeug 95 Prozent weniger Stickoxide (NOx) und 97 Prozent weniger Russpartikel (PM) emittieren. Oder bildlich ausgedrückt: 100 Euro 6-Lastwagen «belasten» die Umwelt gleich viel wie noch vor wenigen Jahren ein einziges Fahrzeug. «Der heutige Stand ist gut. Lapidar ausgedrückt hatten wir früher einen Motor und nebenbei eine Abgasanlage. Heute haben wir eine Abgasanlage und nebenbei den Motor. Das Verhältnis hat sich verschoben. Viel weiter kann das nicht mehr gehen», so der CEO.
Die Nische gefunden
Ganz allgemein ist ein LKW heute im Hightechbereich anzusiedeln. Die Technologie mit sämtlichen Steuerelementen ist mittlerweile so ausgereift, dass ganze Berufsfelder neu entstanden sind. Und alles, was sich um Motorenentwicklung und Grundlagenforschung dreht, kann von einem KMU sowieso nicht mehr bewältigt werden. Hierfür sind Investitionen in Millionenhöhe nötig. Ein Business, von dem die LARAG die Finger lässt. Vielmehr konzentriert sie sich auf Applikationen im Anwenderbereich, wie z. B. den zusätzlichen Einbau von Dieselpartikelfiltern.
Wichtig ist es laut Jäger, am Ball zu bleiben und neue Chancen zu packen. Das hat die LARAG kürzlich mit der Inbetriebnahme einer neuen Reinigungsanlage für Russpartikelfilter von Linienbussen gemacht. Das Unternehmen kann als einziger Schweizer Betrieb einen solchen Service anbieten – und Bruno Jäger ist sich sicher, dass das auch so bleibt: «Die Anzahl Fahrzeuge, die eine solche Anlage beanspruchen, ist begrenzt und die entsprechenden Investitionen belaufen sich auf über 300'000 Franken. Das würde sich für einen zweiten Anbieter kaum rechnen.» Derzeit könne man auch bei der LARAG noch keine Rendite daraus schlagen. «Aber das wird schon mit steigenden Stückzahlen.»
Zusammenspiel von Vor- und Nachteilen
Ansonsten muss sich die LARAG natürlich mit zahlreichen Konkurrenten herumschlagen. Entsprechend spürt auch sie den Preisdruck. Harte Zahlen sind laut Jäger aber zu relativieren – sowohl auf Kunden- wie auch auf Anbieterseite. «Wir haben bei uns Bereiche, in denen wir bezüglich der Rendite nicht das Optimum herausholen können. Und hier zeigen sich die Vor- und die Nachteile einer grossen Struktur: Sie können viel anbieten und sind flexibel. Aber im Gegensatz müssen Sie Schwankungen innerhalb der einzelnen Firmenbereiche in Kauf nehmen.»
Die LARAG habe es bisher jedoch geschafft, daraus ein gutes Zusammenspiel zu machen. Eines, das die Leistungsfähigkeit des Unternehmens beweise und so vor allem auch dem Kunden weiterhelfe. Denn diesen interessiert letztlich nur eines: Sein Fahrzeug so schnell wie möglich wieder auf die Strasse zu bringen. Steht es in der Garage, verursacht es nur Kosten.
Keine Gleichgültigkeit
Bruno Jäger wurde seine Tätigkeit gewissermassen in die Wiege gelegt. Es war sein Vater, der in den 1950er Jahren den Grundstein setzte. Anfang 1992 übernahm Bruno Jäger dann als erste Aufgabe die Leitung der damaligen Truck-Rennabteilung. Es folgten weitere Führungsaufgaben innerhalb der LARAG-Gruppe, bis er schliesslich im Jahre 2000 den Posten des CEOs und VR-Präsidenten besetzte.
Vollkommen abgehärtet hat ihn die langjährige Nähe zum Unternehmertum aber nicht. Auf die Frage, ob er nach wie vor einen gewissen Druck verspüre, mehr als 600 Personen zu beschäftigen, gesteht er: «Ja, natürlich. Jeden Monat, wenn die Löhne überwiesen werden, wird man an die Verantwortung gegenüber den Mitarbeitern erinnert. Und das ist auch gut so. Wäre es anders, würde es bedeutet, dass es mir gleichgültig geworden ist.» Klagen hört man aus dem Munde des Unternehmers nicht. Da hält er es gleich wie sein Bruder Josef A. Jäger, CEO der Camion Transport AG: «Ich habe die Chance, das Glück und die Möglichkeit, dieser schönen Tätigkeit nachzugehen – mit allen bekannten Vor- und Nachteilen.»
Jeder ein Repräsentant
Die LARAG AG ist trotz Krisenzeiten gut im Markt positioniert. Man sieht sich als Dienstleistungsunternehmen, und dementsprechend machen die Mitarbeiter den Unterschied aus. Jeder davon ist ein Repräsentant der Firma – vom Lehrling (davon gibt es alleine in der Ostschweiz über 100) bis zum Chef. «Um erfolgreich zu sein, müssen Sie à jour sein und über gute Mitarbeiter sowie gute Einrichtungen verfügen», zählt Jäger auf. «Wenn es Ihnen gelingt, die Mitarbeiter entsprechend ihren Fähigkeiten und Neigungen einzusetzen – was jemand gerne macht, macht er in der Regel auch gut –, haben Sie schon 80 Prozent der möglichen Probleme gelöst. Dann braucht es noch etwas Glück, gute Produkte und das ganze Drumherum.» Eine einfache Formel, an der schon mancher Unternehmer gescheitert ist.
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