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Mo. 12. Juli 2010 - 06:55 Uhr
«So bleibt auch das Geld in der Region»

Bewusst geniessen statt in möglichst kurzer Zeit einen Lunch zu verdrücken und so Zeit für die Arbeit zu gewinnen: Das ist ein Teil der Botschaft der Bewegung Slow Food. - mbMC

Michael Higi: «Für uns ist jeder Konsument auch ein Co-Produzent.»
 
Michael Higi: «Für uns ist jeder Konsument auch ein Co-Produzent.»

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Im Zusammenhang:
Doch das Engagement zu Gunsten des nachhaltigen Essens geht sehr viel weiter und kann sich auch auf die Identität eines Standorts und die regionale Wirtschaft auswirken. Ein Gespräch mit Michael Higi aus der st.gallischen Grub, Präsident der Ostschweizer Sektion von Slow Food Schweiz.


Michael Higi, wann haben Sie letztmals Fast Food gegessen?
Das dürfte ziemlich lange her sein.

Ist das denn in Ihren Kreisen eine Sünde?
Was heisst schon Sünde? Es ist einfach eine Frage der Lebenseinstellung. Slow Food ist eine Bewegung, der eine bestimmte Philosophie zugrunde liegt. Ich habe das Glück, dass ich nach dieser Philosophie leben kann, ohne mich dafür gross umstellen zu müssen. Wir wohnen in einem alten Bauernhaus mit viel Umschwung, im Sommer sind wir dadurch Selbstversorger, früher hielten wir auch Tiere und hatten damit eigenes Fleisch. Das hat es mir einfach gemacht, die Slow Food-Prinzipien im Alltag zu leben. Aber es geht umgekehrt überhaupt nicht darum, alles andere zu verteufeln oder das Rad der Zeit zurückzudrehen. Ich bin berufstätig, bei mir muss es über Mittag vielleicht auch einmal schnell gehen, und ich greife zu einem Sandwich.

Es geht nicht um Verteufelung – aber um was geht es?
Um bewusste Ernährung. Slow Food stellt den Genuss in den Vordergrund und postuliert das Recht auf Genuss für jeden Menschen. Genuss heisst hier: die Produkte müssen gut, sauber und fair sein. Dabei geht es nicht nur um das Essen an sich, sondern auch um die Kultur darum herum, um die Esskultur – und das führt weiter zur Lebenseinstellung. Heute muss alles sehr schnell gehen, unsere Tage sind ausgerichtet auf den Terminkalender, wir haben keine Zeit mehr für alles andere. Nur deshalb ist Fast Food überhaupt aufgekommen, dank diesem können wir uns rasch verpflegen und haben mehr Zeit für berufliche Termine. Und gegen diese andauernde Beschleunigung des Lebens wehren wir uns. Aber wir wollen nicht zurück in die Steinzeit, sondern versuchen bewusst, der gesellschaftlichen Beschleunigung entgegen zu halten.

Was gehört für Sie zu diesem propagierten bewussten Umgang mit dem Essen?
Zum Beispiel, dass ich darauf achte, wo die Lebensmittel herkommen. Nehmen Sie das Sandwich am Mittag, das ich eingangs erwähnt habe. Das kaufe ich beim Metzger in der Nähe meines Arbeitsplatzes, dann weiss ich, woher das Fleisch stammt, was beim fertig abgepackten Brötchen in einem grossen Laden nicht der Fall ist. Deshalb kaufe ich auch gerne auf dem Markt ein oder direkt beim Bauern. Ich sehe nicht ein, weshalb ein Salat aus Frankreich stammen muss – wir haben hier selber Salat. Das Bio-Label ist für uns daher auch nicht zwingend: Wenn Sie in einen Bio-Laden gehen, finden Sie viele Frischprodukte aus dem Ausland. Dann kaufe ich lieber bei einem Geschäft, welches regionale Waren im Angebot hat und achte auf die Saisonalität der Produkte.

Die grossen Handelsketten scheinen diesen Trend aufgenommen zu haben, es gibt immer mehr regionale Produkte, und diese werden auch stark beworben. Stimmt der subjektive Eindruck?
Ich denke, ja. Dass die Landwirtschaftspolitik in Europa und weltweit manchmal ins Absurde führt, ist ja nicht zu übersehen. Es gibt die bekannten Beispiele: Eine Kuh aus Spanien nach Schweden zu transportieren, um sie dort zu schlachten und das Fleisch danach in Portugal zu verkaufen, ist schlicht nicht nachvollziehbar. Und im Kleinen geschieht das ja auch in der Schweiz. Nun muss man das weiter denken. Wenn eine Kuh aus dem Münstertal in Basel geschlachtet wird, kann das dazu führen, dass es eines Tages im Münstertal keinen Metzger mehr gibt. So geht ein Handwerk verloren. Bei Slow Food möchten wir das Regionale stärken und regionalen Produzenten eine Chance geben. Deshalb haben wir die sogenannte «Arche des Geschmacks» begründet, in der wir Produkte, Tiere, Pflanzen, Handwerk und anderes kulturelles Gut sammeln, das typisch ist für eine bestimmte Region und sonst verloren gehen würde.

Naiv gefragt: Wäre dieser Verlust so verheerend? Muss man alles zwingend erhalten?
Erhalt um des Erhalts willen ist es bei uns nicht. Ein Produkt muss natürlich auch gut sein, es muss für Genuss stehen. Nehmen Sie den Rohmilchkäse, den wir propagieren. Wenn er verschwindet, besteht die Gefahr, dass wir eines Tages zwar unzählige Sorten von Käse haben, diese aber alle etwa gleich schmecken, auch wenn sie unterschiedlich heissen.

Sie setzen also Genuss nicht zwingend mit möglichst viel Sternen oder anderen gastronomischen Kriterien gleich?
Ich esse lieber in einem Restaurant bei uns im Dorf als in einem bekannten Gourmetlokal. Denn vor der Haustür weiss ich, woher die Produkte stammen, beim Sternekoch kann es sein, dass ich pasteurisierte Stangen-Eier erhalte, und der Wein kommt aus Chile – das brauche ich nicht. Für uns muss es nicht möglichst exklusiv oder schick sein, sondern authentisch. Der Gründer der Slow Food-Bewegung, Carlo Petrini, der aus Italien stammt, nannte als Ziel, er wolle im Restaurant so essen wie zuhause bei der «Mama», nämlich ehrliche, handwerkliche saubere und regionale Küche.

Nach dieser Philosophie zu leben hört sich aber auch recht aufwändig an.
Wie eingangs betont, es ist eine Frage der Lebenseinstellung, sich bewusst Zeit zu nehmen, um eine Auswahl zu treffen. Ernähre ich mich mit guten, sauber und fair hergestellten Lebensmitteln oder industriell gefertigter und chemisch aufgemotzter Ware? In diesem Jahr wird Slow Food Ostschweiz zehn Jahre alt, und wir haben uns zum Jubiläum selbst einen Genussführer geschenkt, ein Verzeichnis, in dem die Mitglieder Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten empfehlen. In der Ostschweiz führen wir jährlich fünf bis sechs Veranstaltungen durch, die auch für Nichtmitglieder offen sind und wo man mehr über regionale Produkte erfährt und sie auch degustieren kann. Letztes Jahr waren beispielsweise unter anderem Öle aus der Region ein Thema, hier geht es um eine Renaissance von Produkten, die früher verbreitet waren. Ein weiteres Beispiel ist der Schlipfer-Käse, ein Frischkäse aus Innerrhoden, den wir fördern, indem wir immer wieder auf ihn hinweisen. Oder die Toggenburger Geiss, die es auf der ganzen Welt gibt, die aber ausgerechnet in der reinen Form im Toggenburg bald vom Aussterben bedroht sein wird – und mit der dann ihr Fleisch und Käse aus ihrer Milch verloren gehen werden.

Nun könnte man einwenden: Wenn sich solche Produkte auf dem freien Markt nicht durchsetzen, warum muss man sie dann besonders fördern und so ihr Überleben sichern?
Weil es letztlich eben nicht nur um das eigentliche Produkt geht, sondern auch um seinen kulturellen Hintergrund. Der Schlipfer-Käse beispielsweise ist einzigartig, den gibt es weltweit sonst nirgends. Wenn wir ihn bewahren, erhalten wir damit auch ein Stück Sennengeschichte, die zu unserer Region gehört. Die Restauration alter Häuser ist für viele Leute selbstverständlich, da fliesst auch viel Geld hinein. Der Erhalt alter Nahrungsmittel ist im Grunde nichts anderes, kostet aber bedeutend weniger.

Ihnen geht es also auch um die Identität einer bestimmten Region, eines Standorts?
Auf jeden Fall. Das Toggenburg beispielsweise kennt eine riesige Käsevielfalt, darunter nicht nur alte Sorten, auch neue Produkte von sehr innovativen Herstellern. Diese Vielfalt kommt dem ganzen Tal zu Gute, es entsteht eine Wertschöpfungskette. Oder nehmen Sie Dörrbohnen, das war einst ein typisches Schweizer Produkt, bekannt unter anderem von der Berner Platte. Wenn Sie heute in einen Laden gehen, finden Sie nur Dörrbohnen aus China – das kann es doch nicht sein. Also haben wir alte Stangenbohnensorten gesucht, die sich gut trocknen lassen. Wenn man diese an einem Markt präsentiert, staunen die Leute und fragen sich, was das ist. Dabei handelt es sich ursprünglich um ein altes schweizerisches Kulturgut, das man ebenso erhalten sollte wie das Handwerk des Dörrens.

Das Bewusstsein für solche Fragen: Ist das regional unterschiedlich ausgeprägt? Und wo steht die Ostschweiz diesbezüglich?
Ganz generell stellen wir fest, dass die Slow-Food-Idee vor allem in den Städten boomt. In Zürich beispielsweise haben wir einen riesigen Zulauf. Das liegt daran, dass sich die Menschen in ländlichen Regionen sagen: Schön und gut, aber was da propagiert wird, leben wir doch schon lange. Und wenn das so ist, dann ist das ja umso besser. In Regionen wie dem Appenzellerland, wo die Leute stolz sind auf ihre Eigenheiten – auch in Bezug auf die Nahrungsmittel -, treten wir natürlich offene Türen ein. Aber auch dort kann das Bewusstsein sicher noch gesteigert werden.

Wer ist denn das typische Slow-Food-Mitglied?
Das geht querbeet durch alle sozialen Schichten hindurch. Wichtig ist: Wir sind kein akademischer Zirkel, sondern offen für alle. Viele Mitglieder haben sicherlich einen bestimmten Bezug zum Thema, beispielsweise beruflich. Aber dann gibt es eben auch Quereinsteiger, die einfach Freude an einem schmackhaften Essen haben, das man auch mit einem guten Gewissen geniessen kann – so wie ich.

Muss man sich diesen Genuss nicht auch leisten können? Eine mehrköpfige Familie mit geringem Einkommen hat vielleicht Mühe, diese Philosophie vom bewussten Genuss zu leben.
Wenn man sich für das Thema Zeit nimmt, findet sich in der Regel schon ein Weg. Wer direkt beim Bauern oder auf einem Markt kauft und so den Zwischenhandel auslässt, kommt günstiger weg. Und wenn man anschaut, wie wenig Geld wir heute fürs Essen ausgeben im Vergleich zu früher, dann staunt man schon. Es ist auch eine Frage der Prioritätensetzung. Man kann beispielsweise darauf verzichten, immer das neueste Flachbildschirm-Modell zu kaufen und stattdessen das Geld in seine Ernährung investieren. Denn essen müssen wir bekanntlich, um zu überleben. Für mich geht es noch weiter: Gesundheitsprävention ist ja ein hoch aktuelles Thema, und es ist auch klar, dass unser Gesundheitssystem darunter leidet, wenn wir uns nicht bewusst ernähren. So hängt alles zusammen.

Und wo kommt die Wirtschaft, auch die regionale Wirtschaft, ins Spiel?
Im Grunde ist die Slow-Food-Bewegung eine Art Mixtur aus den Ideen anderer Organisationen wie WWF, Greenpeace, Pro Specie Rara und so weiter. Das Besondere daran – und für mich ein Grund für mein Engagement – ist aber, dass am Ende der Kette der Konsument steht. Es geht auch, aber eben nicht nur um eine faire Produktion oder um den verantwortungsvollen Umgang mit Tieren, aber das Ergebnis ist der Genuss für mich als Esser. In diesem Zusammenhang sollten wir uns wieder bewusster werden, welch grosse Macht wir als Konsumenten haben. Wenn wir auf regionale Produkte setzen, dann sind diese wieder rentabel. Das heisst aber auch, dass das eingesetzte Geld hier in der Region bleibt. Slow Food spricht deshalb auch vom Konsumenten als Co-Produzent. Werden Produkte nachgefragt, werden auch die Anbieter wieder vermehrt darauf einsteigen – das ist die Marktwirtschaft.



Über Slow Food
Slow Food ist ein internationaler Non Profit-Verein, der 1986 als Antwort auf die rasante Ausbreitung des Fast Food und des damit einhergehenden Verlustes der Esskultur und Geschmacksvielfalt gegründet wurde. Heute ist Slow Food eine weltweite Bewegung und bindet mehr als 100’000 Personen in 115 Staaten auf allen Kontinenten ein.

Slow Food Schweiz ist in regionale Gruppen, die sogenannten Convivien, unterteilt. Das Convivium Ostschweiz wird von Michael Higi aus Grub SG präsidiert. Gegründet wurde es im Jahr 2000, damals noch als Convivium St.Gallen/Appenzell und mit 14 Gründungsmitgliedern. Heute weist es rund 150 Mitglieder auf.

Slow Food steht für: Zugang zu guten, sauberen und fairen Lebensmitteln, biologische Vielfalt, Lebensmittel in kleinem Massstab, Ernährungssouveränität, Verteidigung der traditionellen Kulturen und des damit verbundenen Wissens, umweltfreundliche Produktion, fairen und nachhaltigen Handel.

Informationen unter www.slowfood.ch. / www. slowfood-ost.ch



 
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