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Do. 17. Juni 2010 - 13:39 Uhr
«Wir sind ja nicht in den Thurgau eingefallen»

Mit der Übernahme der «Thurgauer Zeitung» bauen die Tagblatt Medien ihre Stellung in der Ostschweiz weiter aus. Im Gespräch mit Tagblatt-CEO Hans-Peter Klauser. - mbMC

Tagblatt-CEO Hans-Peter Klauser: «Eine Zeitung kann ihre Leserschaft nicht abschotten»
 
Tagblatt-CEO Hans-Peter Klauser: «Eine Zeitung kann ihre Leserschaft nicht abschotten»

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Magazin LEADER Mai 201028.05.2010 / 16:29h
Magazin LEADER Mai 2010
Hans-Peter Klauser, sammeln Sie «Panini»-Bilder?
(lacht) Nein. In meiner Jugend sammelte ich Bilder von den Nati-A- und Nati-B-Klubs. Heute aber nicht mehr.

Das Geschäft zwischen der Tamedia und der NZZ wurde unter dem Decknamen Panini-Tausch abgewickelt. Wie kam es zu diesem Namen?
Wer die Idee gebracht hat, weiss ich nicht. Aber der Name lag gewissermassen auf der Hand. Es ging um den Abtausch von Beteiligungen.

Bei den Panini-Bildern achtet man darauf, möglichst gleichwertige Spieler zu tauschen. Ist Ihnen das mit den Zeitungen ebenfalls gelungen?
Ich kann das nur für unsere Seite beurteilen, meine aber, dass es eine typische Win-win-Situation ist. Nur deshalb ist der Deal auch zustande gekommen.

Was gewisse Kreise überrascht hat.
Sogar uns. Wir standen ja 2005 bereits vor der Unterschrift eines Kooperationsvertrages.

Damals lieferten sich NZZ und Tamedia einen harten Kampf um die «Thurgauer Zeitung».
Genau. Und letztlich hat uns die Tamedia überboten.

Der Kanton Thurgau verliert eine Tageszeitung, mehrere Journalisten müssen ihre Arbeitsplätze räumen. Wer ist unter den Gewinnern?
Es gibt zwei Gewinner: Einerseits die Ostschweiz, deren Position mit einer umfassenden Tageszeitung für die Region gestärkt wird. Andererseits der Kanton Thurgau, der seit jeher unter einer gewissen Zerrissenheit leidet und nun eine publizistische Klammer erhält. Ich kann das Bedauern über den Verlust einer «zweiten Stimme» natürlich nachvollziehen. Aber man muss ehrlich sein: Wer liest denn heute noch zwei Tageszeitungen? Wir können diese Doppelabonnenten klar identifizieren – und werden das auch tun. Es dürften rund 2'000 sein – darunter sicherlich vor allem Behördenstellen.

Wären nicht gerade diese auf unterschiedliche Betrachtungsweisen angewiesen?
Klar: Wenn zwei Zeitungen über ein Ereignis berichten, entstehen zwei unterschiedliche Artikel. Ich bezweifle aber, dass diese dann vollkommen andere Ansätze beinhalten. Zumal es heute keine Meinungspresse mehr gibt. Früher war beispielsweise die «NZZ» eine FDP- und die «Ostschweiz» eine CVP-Zeitung. Und auch dem «St.Galler Tagblatt» wurde eine freisinnige Ausrichtung angedichtet, was aber nicht zutraf. Mittlerweile sind all diese Attribute verschwunden.

Wir sprechen von Meinungsvielfalt. Wesentlich ist diese vor allem bei überregionalen Themen.
Das sage ich immer wieder: Erhält ein Thema eine gewisse Aktualität, allenfalls sogar Brisanz, sind sofort alle Medien vor Ort. Diese Vielfalt ist demnach durchaus vorhanden.

Aber ein Gemeindeammann aus beispielsweise Sirnach oder Münchwilen sollte es sich künftig mit dem «Tagblatt» nicht verscherzen. Er würde damit den einzigen, wesentlichen Informationskanal verlieren.
Ein solcher Fall wird nicht eintreten. Käme es, aus welchen Gründen auch immer, zu Querelen, müsste man miteinander reden. Als Zeitung können wir es uns nicht leisten, Personen zu «schneiden». Wir schreiben für die Leser und nicht für die Politiker.

Kann das «Tagblatt» eine «gewichtige Stimme» für die Ostschweiz werden?
Wir versuchen es natürlich. Die Ostschweiz hat in der restlichen Schweiz bekanntermassen ein Wahrnehmungsproblem. Der Spruch, dass hinter Winterthur die Schweiz aufhöre, ist zwar ein Klischee, beinhaltet aber auch ein Quäntchen Wahrheit. Daher sollten wir uns nicht innerhalb der eigenen Region in die Haare geraten. Die Ostschweiz, im engeren Kreis zusammengesetzt aus den Kantonen St.Gallen, Thurgau und beider Appenzell, darf ruhig noch etwas selbstbewusster auftreten.

Wenn es im Thurgau tatsächlich – wie es Ursula Fraefel schrieb – einen Anti-St.Galler-Reflex gibt, dürfte das nicht gerade einfach werden. Die Redaktion steht vor einer schweren Aufgabe.
Diese wichtige Aufgabe musste sie schon in der Vergangenheit bewältigen. Es ging und geht seit jeher darum, Themen aufzugreifen, die für die gesamte Ostschweiz relevant sind – bei denen ein übergeordnetes Interesse besteht. Und nun spreche ich nicht vom Lokalbund, sondern vom Mantelteil. Und was den Anti-St.Galler-Reflex betrifft: Da geht es den Thurgauer wahrscheinlich ähnlich wie den Ostschweizern mit den Zürchern. Es hat nicht mit den Personen, sondern mit der Metropole, der Zentrumsfunktion der besagten Gebiete zu tun. Es besteht gewissermassen ein Stadt-Land-Konflikt.

Sie sind ursprünglich aus Zürich ...
Ja, ich kenne den Anti-Zürich-Reflex. Habe ihn mittlerweile ab und zu sogar selber.

Die «gewichtige Stimme» kann auch als Monopolstellung bezeichnet werden.
Das ist logischerweise ein Vorwurf, den wir immer wieder hören. Er ist aber zu relativieren: Sie können im Bereich der Informationen heute keine Monopolstellung mehr innehaben. Das ist im Zeitalter von Fernsehen und Internet gar nicht mehr möglich. Eine Zeitung kann ihre Leserschaft nicht abschotten. Natürlich sind wir in der Ostschweiz ein gewichtiger Player. Und missbrauchten wir diese Stellung in irgendeiner Art, wäre das schlecht. Mir ist aber kein Fall bekannt, wo dies geschehen ist. Zudem stehen alle Medien unter der Beobachtung der Konkurrenz und auch des Presserats.

Lässt er der grosse Schatten, den die Tagblatt Medien werfen, noch zu, dass die Konkurrenz erblühen kann?
Einfach ist das sicherlich nicht. Aber Nischen gibt es immer. Wir kämpfen ja selber auch um unseren Platz. 2009 konnten wir nur mit grössten Anstrengungen schwarze Zahlen schreiben. Und wenn jemand mit unserer Grösse – wir sind immer noch ein KMU – und in dieser Position Schwierigkeiten hat, Geld zu verdienen und den Fortbestand zu sichern, dürfte es für kleinere Unternehmen sicher nicht leichter sein.

Ein Panini-Album gewinnt an Wert, wenn es vollständig ist. Fehlen Ihnen noch «Bilder»?
Mit der «Thurgauer Zeitung» ist das grösste noch vorhandene Potenzial eingelöst worden. Natürlich gibt es noch kleinere Zeitungen, mit denen wir zum Teil bereits kooperieren oder dann aber freundschaftlich verbunden sind. Aber die Gebiete, welche Sinn machen, welche in unseren Kommunikations- und Werberaum passen, sind abgedeckt.

Eine gutgemachte Zeitung zu verlieren, ist bedauerlich. Ist das Verschwinden der «TZ» ein Verlust?
Das ist eine heikle Frage. Persönlich finde ich den Mantelteil des «St.Galler Tagblatt» qualitativ besser als jenen der «Thurgauer Zeitung». Man vergisst gerne, dass die «TZ» in den vergangenen Jahren den Mantelteil vom Winterthurer «Landboten» übernommen hat. Es herrschte die Meinung, die «TZ» sei noch eine eigenständige Zeitung. Das hat eigentlich aber auch eine gute Seite: Haben sich die Wellen einmal gelegt, interessiert sich der Leser nicht mehr für Besitzverhältnisse oder den Standort der Redaktion. Er hat seine Zeitung, findet sie besser oder schlechter als vorher und lebt damit. Ich stelle das immer wieder fest. Gehen Sie auf die Strasse und fragen Sie Passanten, wem «Radio FM1», «Tele Ostschweiz» oder der «Anzeiger» gehören. Nicht die Hälfte wird Ihnen sagen können, dass diese Medien im Besitz unserer Gruppe sind.

Weil sich wohl die Medien für Medien interessieren, nicht aber die Leser.
Genau.

Sie sprachen die «Wellen» an: Diese sind eigentlich ausgeblieben. Von den Medien wurde der Deal nur von der «Weltwoche» kritisch beurteilt.
Ganz allgemein war die Berichterstattung in anderen Medien eher bescheiden. Am Tag der Verkündigung war das Geschäft der «Tagesschau» am Mittag keine Zeile wert, am Abend dann immerhin einen Satz. Das zeigt: Das Ereignis wurde als sehr lokal bewertet – selbst in Zürich. Wellen gab es im Thurgau. Ich war logischerweise dabei, als wir die Regierung informierten. Da waren im ersten Moment schon starke Emotionen spürbar. Aber die Aggressionen richteten sich nicht gegen uns, sondern gegen die Tamedia, die einen Wortbruch begangen hatte. Wir haben mittlerweile ein 35-jährige Tradition im Kanton Thurgau, organisieren Anlässe, kennen die Entscheidungsträger und haben ein freundschaftliches Einvernehmen.

Vonseiten der Regierung wurden zwei Forderungen gestellt. Einerseits einen Hauptstandort in Frauenfeld ...
Das ist klar.

... andererseits den Titel «Thurgauer Tagblatt» oder «Thurgauer Zeitung».
Wir merkten sehr rasch, dass die Titelfrage enorm wichtig für die Regierung ist. Und damit haben wir keine Probleme. Ein Titel ist eine Marke und bedeutet Heimat für die Leserschaft. Dem wurden wir auch schon in anderen Regionen gerecht. Wir hatten Mitte der 1990er Jahre die Idee eines «Ostschweizer Tagblatt». Von der Markenführung her wäre das um einiges einfacher – ein kraftvoller Auftritt. Es war und ist uns aber wichtiger, auf die gewohnten Marken in den verschiedenen Gebieten zu setzen und so die Verbundenheit zu bewahren. Daher ist auch jetzt der Name «Thurgauer Zeitung» relativ klar gesetzt.

Haben Sie mit heftigeren Reaktionen gerechnet?
Heftig ist übertrieben. Sagen wir es so: Ich habe mehr erwartet. Aber ich bin natürlich keineswegs unglücklich darüber. Wir sind ja nicht in den Thurgau eingefallen. Es wäre vielleicht etwas harmonischer herausgekommen, wäre die Kooperation bereits 2005 zustande gekommen.

Letztlich wären wir heute aber am gleichen Punkt.
Auch dann wäre eine Zeitung verschwunden, ja. Aber wir hätten den Standort in Frauenfeld nicht dermassen kahl geschlagen, wie es die Tamedia gemacht hat. Die Druckerei, der Buchverlag: Alles ist verschwunden.

Nun haben wir – wie wir festgestellt haben – ein Gespräch geführt, das kaum jemanden interessiert: Medien, die über Medien berichten.
Das ist bei vielen Artikeln so. Wie viele Berichte lesen Sie in einer Zeitung tatsächlich von Anfang bis Ende durch? Aber Sie haben recht: Wenn ich die «Weltwoche» lese – was nicht mehr so häufig der Fall ist –, lese ich vor allem, was Kurt Zimmermann über unsere Branche schreibt.

Warum lesen Sie die «Weltwoche» nur noch sporadisch?
Ich habe Mühe mit gewissen Autoren und Themen. Das ärgert mich dann dermassen, dass ich mir das nicht mehr regelmässig antun möchte.

Könnte mir das mit der künftig einzigen Ostschweizer Zeitung nicht auch so gehen?
Vielleicht. Jeder muss selber entscheiden, welche Informationsquellen er sich zu Gemüte führt. Und wenn wir mit unserer Zeitung weiterhin Leserinnen und Leser halten können, machen wir etwas richtig. Jenen, die untergegangen sind, ist das nicht gelungen.

Ende dieses Jahres übergeben Sie Ihren Posten an Daniel Ehrat. Hatten Sie keine Lust, die «gewichtige, publizistische Stimme» in der Anfangsphase zu begleiten?
Den Entscheid, auf Ende 2010 zurückzutreten, habe ich schon vor mehreren Jahren ins Auge gefasst. Die Erreichung eines der überragenden strategischen Ziele erfüllt mich mit Freude und Stolz, und die Weichen für die zukünftige Zeitung im Thurgau werden jetzt gestellt. Der Start geht dann unter der neuen Führung von Daniel Ehrat über die Bühne, der das genauso gut meistern wird. Ich kann gut loslassen und freue mich, das Geschehen künftig aus der Perspektive des Verwaltungsrates zu verfolgen.



Daniel Ehrat wird neuer Leiter Medien Ostschweiz
Daniel Ehrat (51), Leiter Marketing und Verlag bei den St.Galler Tagblatt AG, wird neuer Leiter Medien Ostschweiz bei der NZZ-Gruppe. Ehrat übernimmt die Nachfolge von Hans-Peter Klauser, Gesamtleiter der Tagblatt Medien und Leiter Medien Ostschweiz der NZZ-Mediengruppe, der Ende 2010 mit 63 Jahren vorzeitig in Pension geht. Klauser wiederum ist als Nachfolger von Peter Kleiner im Verwaltungsrat der St.Galler Tagblatt AG vorgesehen. Peter Kleiner tritt infolge des Erreichens des 70. Altersjahrs auf die Generalversammlung 2011 zurück. Daniel Ehrat arbeitet seit zehn Jahren bei den Tagblatt Medien als Leiter Marketing und Verlag. Der Ostschweizer hat an der Fachhochschule für Wirtschaft in St.Gallen Betriebswirtschaft studiert und an der Universität Zürich ein Executive MBA gemacht.



 
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